Anti-Aging

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Der Begriff Anti-Aging, auch Altershemmung, ist eine Bezeichnung für Maßnahmen, die zum Ziel haben, das biologische Altern des Menschen hinauszuzögern, die Lebensqualität im Alter möglichst lange auf hohem Niveau zu erhalten und auch das Leben insgesamt zu verlängern. Verwendet wird dieser Begriff in der Medizin, von Ernährungswissenschaftlern, der Nahrungsergänzungsmittelindustrie, von Kosmetikherstellern und auch teilweise im Zusammenhang mit Schönheitsoperationen. Anti-Aging ist ein Marketingbegriff.

Anti-Aging unterscheidet sich von Verjüngung: Während Anti-Aging das Ziel hat, Alterungsprozesse zu verlangsamen, sollen diese durch Verjüngungsmaßnahmen zurückgesetzt werden.[1]

Altersforschung/Biogerontologie

Wenn wir nicht so altern würden, wie wir es zurzeit tun, würde der Mensch nach Meinung von D. Pearson/S. Shaw durchschnittlich etwa 800 Jahre leben, nach Meinung von Randolph M. Nesse und George C. Williams etwa 690 Jahre. Die Lebensspanne wäre nur durch Unfälle, Fremd- oder Selbsttötung und Krankheiten begrenzt. Die durchschnittliche Lebenserwartung (LE) hat sich zwar in der letzten Zeit in den Ländern der Ersten Welt deutlich erhöht, das maximal erreichbare Lebensalter scheint dagegen seit sehr langer Zeit konstant bei etwa 120 Jahre (bis 122 Jahre) zu liegen, ohne dass derzeit abzusehen ist, dass dieser Wert zukünftig durch Anti-Aging-Maßnahmen beeinflussbar sein wird, da er unter Umständen genetisch determiniert ist.[1]

Faktoren des des körperlichen Alterns

Wissenschaftler der Biogerontologie sind überzeugt, dass der Prozess des körperlichen Alterns gleichzeitig durch mehrere Faktoren bedingt ist, von denen sich nur wenige bedingt beeinflussen lassen. Unterschieden werden prinzipiell[1]:

  • Programmtheorien, genetische Ursachen (inkl. Telomerverlust), auch aktives Altern genannt
Wissenschaftliche Studien zur Zwillingsforschung haben ergeben, dass die Lebenserwartung zu etwa 30 Prozent durch die Gene vorgegeben ist. Andere Studien schätzen die Bedeutung der genetischen Ursachen höher ein und kommen auf einen Wert von 70 %. Wer aus einer Familie kommt, in der mehrere Vorfahren ein hohes Alter erreicht haben, hat selbst statistisch auch eine höhere Lebenserwartung. Langlebigkeit ist also ein vererbbares Merkmal. Eine Vielzahl von Genen (death genes, longevity assurance genes) sind bei Lebewesen inzwischen identifiziert worden.
  • Altern durch Lebensstil und Umwelteinflüsse
Erwiesenermaßen beeinflussen Lebensstil und Umweltbedingungen den Prozess des Alterns; sie können ihn verzögern oder beschleunigen. Negative Auswirkungen haben Tabakrauchen und hoher Alkoholkonsum, zu wenig Schlaf, Übergewicht, Stress, aber auch Verkehrslärm und Umweltverschmutzung.
  • Biochemisches Altern/Abnutzungstheorien
Das biochemische Altern ist ein Prozess, der im Körper abläuft und bei dem freie Radikale die wesentliche Rolle spielen. Sie entstehen permanent als Abfallprodukte des Stoffwechsels und gelten als potenziell zellschädigend. Nach Ansicht mancher Forscher können sie durch eine zusätzliche Zufuhr von bestimmten Vitaminen, Liponsäure oder Selen teilweise unschädlich gemacht werden, was sich auf den Prozess des Alterns auswirken soll. Auf den Menschen bezogene Studien, die dies beweisen, gibt es jedoch nicht.
  • Hormonelles Altern
Im Laufe des Lebens sinkt die Produktion verschiedener Hormone im Körper kontinuierlich, was als eine wesentliche Ursache des Alternprozesses und von Krankheiten wie Demenz, Arthrose, Knochenschwund und auch von Krebs angesehen wird.

Viele Hochbetagte leben auf Okinawa, in Sardinien & in Neuschottland

Die Altersforscher gehen nach aktuellem Wissensstand davon aus, dass Menschen im Idealfall etwa 120 Jahre alt werden können. Bekanntlich erreichen sehr wenige tatsächlich dieses Alter. Ein Ziel der Forschung ist es, die Bedingungen zu ergründen, die das Erreichen eines sehr hohen Lebensalters fördern. Seit 1976 gibt es daher Untersuchungen der nationalen Gesundheitsinstitute der USA und des japanischen Gesundheitsministeriums auf der Insel Okinawa, auf der überdurchschnittlich viele Menschen leben, die mindestens 100 Jahre alt sind, nämlich rund 600 bei insgesamt 1,3 Millionen Bewohnern. Okinawa ist die ärmste Präfektur Japans, die Menschen leben vor allem vom Fischfang.[1]

Relativ viele Hochbetagte leben aber auch auf Sardinien und in Neuschottland. In den Mittelmeerländern ist die Rate der Zivilisationskrankheiten niedriger als im übrigen Mitteleuropa. Bis heute hält sich auch das Gerücht, dass das Volk der Hunza besonders langlebig sei. Diese Annahme ist jedoch wissenschaftlich widerlegt, zu dieser Theorie ist es vermutlich durch reine Schätzung auf Grund des Aussehens älterer Menschen dieser Volksgruppe gekommen.[1]

Medizinische Anti-Aging-Therapien

Der Nachweis einer tatsächlichen Lebensverlängerung ist schwer zu führen. Man braucht dazu große Vergleichsgruppen, die randomisiert prospektiv und am besten doppelblind mit verschiedenen Substanzen behandelt werden. Nach etwa 5 bis 10 Jahren vergleicht man die Sterblichkeit.[1] Obwohl der Markt für Anti-Aging-Mittel, insbesondere Hormone, Vitamine und Spurenelemente, wächst, konnte nach diesen strengen Kriterien die Wirksamkeit nicht sichergestellt werden. Bei der Vermeidung von Herzinfarkten waren beispielsweise die sogenannten Antioxidantien Vitamin E und C in großen Studien wie der englischen Heart Protection Study unwirksam.

Allgemeine Empfehlungen zur Lebensweise

Als Anti-Aging-Therapie werden ganz uneinheitlich unterschiedliche Maßnahmen bezeichnet. Das kann, angefangen bei der therapeutischen Behandlung bestimmter Alterskrankheiten wie Alzheimer und Gedächtnistraining, über Ernährungsberatung und bis hin zum Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln und Hormontherapien gehen. Bis in die 1990er Jahre galt auch die Frischzellentherapie als mögliche „Geheimwaffe“ gegen Alternsprozesse; in Deutschland wurde sie 1997 verboten. Im Jahr 2000 wurde das Verbot zwar aufgehoben, die Therapie ist mittlerweile jedoch nicht mehr besonders populär.[1]

Auf Grund vorliegender Forschungsergebnisse empfehlen die verschiedenen Anti-Aging-Experten generell Dinge, die allgemein die Gesundheit fördern können:

  • Ausgewogene Ernährung
  • Vermeidung von Übergewicht und gemäßigtes „Hungern“
  • Regelmäßige Bewegung (Verbrauch von mindestens 8.370 bis 12.560 kJ an Nahrungsenergie pro Woche, in veralteten Einheiten ca. 2.000 bis 3.000 kcal pro Woche); siehe auch Seniorensport
  • Verzicht auf das Rauchen
  • Verzicht auf ausgiebige Sonnenbäder und Besuche in Solarien
  • Vermeidung von negativem Stress

Die Hormonsubstitution bei alternden Menschen ist unter Medizinern umstritten. Hormongaben können auch negative Auswirkungen haben, wie es aus Studien ersichtlich ist. So steht die langfristige Einnahme weiblicher Hormone im Verdacht, das Risiko für ein Tumorwachstum zu erhöhen.[2][1]

Folsäure

Folsäure, ein Vitamin der B-Gruppe, zeigte bei mehreren Studien eine gute Wirkung gegen Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall.[3][1]

Entzündungs- und Thromobozyten-Aggregationshemmung

Folgende Medikamente können die Lebenserwartung eines Teiles der Bevölkerung, der zur Arteriosklerose neigt (Männer ab 50, Frauen ab 65), möglicherweise günstig beeinflussen[1]:

  • Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer bei Menschen, die an krankhaft erhöhtem Blutdruck (arterielle Hypertonie) leiden. Ein überlegener Effekt besonderer Substanzgruppen ist bisher nicht nachgewiesen. Nachgewiesen ist ausschließlich eine effektive Blutdrucksenkung.
  • Entzündungs- und Thromobozyten-Aggregationshemmer (z. B. Acetylsalicylsäure). Rudolf Virchow hat 1852 die Arteriosklerose als primäre Entzündung der Schlagadern erkannt. Sie wird heute als epitheliale Dysfunktion im Initialstadium der Arteriosklerose beschrieben
  • Cholesterinsenker, wie beispielsweise Statine, wurden bisher nur bei koronaren Risikopatienten geprüft. Die ALLHAT-LLT-Studie[4] zeigte keinen Effekt der Intervention, während die ASCOT-LLA-Studie[5] einen Effekt festgestellt haben will. Die letztgenannte Studie weist erkennbare Mängel auf. Sie wurde vorzeitig abgebrochen, während die ALLHAT-LLT-Studie korrekt zu Ende geführt wurde.
  • Omega-3-Fettsäuren

Thymustherapie

Laut einer im April 2014 veröffentlichten Studie gelang es im Mausmodell durch eine Hochregulierung des Transkriptionsfaktors FOXN1 den sich im Alter verkleinert habenden Thymus wieder zu vergrößern. Die behandelten Mäuse zeigten eine signifikante Outputsteigerung der im Thymus produzierten CD4 und CD8 T-Zellen, was gleichbedeutend ist mit einer erhöhten Immunkompetenz.[6][1]

Testosterontherapie

Das Testosteronniveau sinkt bei Männern um bis zu ein Prozent pro Jahr, sodass es bei Personen von 60 bis 80 Jahren nur noch 30 bis 50 % des Ausgangswertes hat.[7] Durch einen zu niedrigen Testosteronspiegel erhöht sich das Herzinfarktrisiko signifikant.[8] Allerdings sollte bei einer Vorgeschichte von Herzinfarkten mit Testosterongaben äußerste Vorsicht angebracht sein.[9] Durch Testosterongabe (+ Training) erhöht sich die Muskelmasse, wodurch bei älteren Männern die Mobilität und die Lebensqualität deutlich verbessert wird.[10] Im Seniorensport gehören Therapeutic Use Exemptions. für Testosteron zu den am häufigsten verwendeten Medikamenten, da bei niedrigem Testosteronspiegel die sportliche Leistungsfähigkeit deutlich herabgesetzt ist.[11] Die Zufuhr von Testosteron bei Männern mit Prostatakrebs ist umstritten, da einerseits die bisherigen Ergebnisse der Forschung höchst widersprüchlich sind,[12] es aber auch andererseits zu einem Paradigmenwechsel in der Prostataforschung gekommen ist.[13][1]

Kontrovers diskutierte Anti-Aging-Therapien

Melatonin

Zu den Anti-Aging-Hormonen gehört das Melatonin, das in der Zirbeldrüse produziert wird und den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Die körpereigene Produktion lässt im Alter nach, was unter anderem zu Schlafstörungen führen kann. Die Hypothese, dass Melatonin einen Anti-Aging-Effekt beim Menschen zeigen könnte, gehen zum einen auf die Schweizer Forscher Maestroni und Pierpaoli zurück, andererseits auf den US-amerikanischen Forscher Russell J. Reiter. In den Studien von Maestroni und Pierpaoli an Ratten wurden später angeblich schwerwiegende technische Mängel entdeckt. Für diese Aussage wurde jedoch keine zuverlässige Quelle angegeben.[1] Die verwendeten Inzuchtratten hätten laut Quelle [14] ohne Beleg durch eine zuverlässige Quelle einen Gendefekt, der zu einer gestörten Melatoninsekretion geführt hätte. Bis Januar 2017 konnte jedoch keine andere Quelle gefunden werden, welche diese Mängel in den Melatonin-Studien belegen.

In den USA gelten Melatonin-Präparate als „Wundermittel“ und sind frei im Handel erhältlich, in Deutschland sind sie wegen des Fehlens des Unbedenklichkeitsnachweises nicht zugelassen. Der wissenschaftliche Nachweis, dass Melatonin tatsächlich das Altern verzögert, fehlt bislang, wenn man Quelle [1] glauben kann; ebenso fehlen laut dieser Quelle Langzeitstudien zu möglichen Nebenwirkungen. Melatonin müsste präventiv in relativ hoher Dosierung eingenommen werden, was eine Störung zirkadianer Rhythmen zur Folge hätte, wenn dieses nicht regelmäßig jeden Tag zu einer bestimmten Zeit eingenommen würde. Die Behandlung müsste streng genommen bereits in der Kindheit einsetzen, was sich wegen der störenden Einflüsse des Melatonins auf die kindliche sexuelle Entwicklung verbietet. Melatonin war darüber hinaus eine Zeit lang im Gespräch als „Pille für den Mann“ und gilt als „Waffe“ gegen freie Radikale.[1]

Wachstumshormone: Positive Meinungen

Dr. Ulrich Strunz: HGH verzehnfachen mit je 1,2 g Arginin & 1,2 g Lysin
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Anstieg von HGH im Blut nach einmaliger Gabe von 1,2 g Argininpyroglutamat & 1,2 g Lysin[15]


Seit einer 1990 publizierten Studie[16] gilt das Wachstumshormon Somatotropin (HGH, Human Growth Hormone) als besonders wirksames Anti-Aging-Mittel. Die Anhänger werben mit Aussagen wie Fettabbau, Hautgeneration, Prävention von Diabetes mellitus, Verbesserung des Stoffwechsels und eben verzögertes Altern. Auch die Bildung von Wachstumshormonen lässt im Laufe des Lebens kontinuierlich nach. Befürworter der Therapie mit Somatotropin verweisen auf Studien, die die Schutzwirkung dieses Substanz vor Krebs belegen. Als Applikationsform ist nur die Injektion in das Unterhautfettgewebe wirksam.[1]

HGH steigert Muskelmasse, reduziert das Körperfett & stärkt die Knochen

Das neuroendokrine System, die Hormone und hier in erster Linie das Wachstumshormon HGH haben großen Einfluss auf den Alterungsprozess. Eine der größten Überraschungen in der Geschichte der Altersforschung: Ein 65 jähriger Endokrinologe vom Medical College of Winconsin hat 1990 stellte folgende Überlegung an: Wenn ein Hormon im Alter absinkt, so spekulierte er, was passiert dann wohl, wenn man das Hormon bei älteren Menschen "auf den Stand der Jugend" bringt, indem man es spritzt. Nämlich Wachstumshormon (HGH). Sechs Monate lang durften 11 Senioren sich selbst spritzen. Dreimal die Woche.[15] Genau soviel Hormon, dass der Blutspiegel vergleichbar junger Menschen erreicht wurde. Die Kontrollgruppe, 10 weitere Senioren, wurde in den sechs Monaten älter: Ein bisschen fetter, ein bisschen mehr Muskelschwund, ein bisschen faltigere Haut usw. Die Versuchsgruppe mit dem HGH-Kick gewannen in diesen sechs Monaten

  • 10 % Muskelmasse zusätzlich
  • 9 % dickere Haut
  • 14 % weniger Körperfett
  • stärkere, festere Knochen

Mit den Worten des Endokrinologen Rudman: In diesen sechs Monaten gewannen meine Klienten 10 bis 20 Jahre Jugend.[15] Spritzen? Dreimal die Woche? Das wird in jeder, buchstäblich jeder Anti-Aging Klinik praktiziert. Unausweichlich. Ist das zentrale Geheimnis dieser Kliniken. Alles andere ist Zubehör. Dass es auch anders geht, hat Dr. Ulrich Strunz bereits in "Die Diät" 2001 beschrieben. Unvergesslich, wie dieses doch begeisternde Fakt von der Focus-Redakteurin und einem (laut [15] ) nicht wissenden Endokrinologen verrissen wurde. Zitiert hatte Dr. Ulrich Strunz dabei die Grafik rechts von diesem Text.

Wie die Grafik zeigt, kann man mit Arginin und Lysin innerhalb von 90 Minuten das Wachstumshormon um 700 % steigern. Versiebenfachen! Gezeigt an 15 männlichen Versuchspersonen (Quelle: Leistungssport 6/92, S. 30). Inzwischen wissen wir: Entscheidend war hier Arginin. Lysin war nur Zugabe. Verstärken können wir diesen Effekt, so Dr. C. Dorman, durch Zugabe von Ornithin. Also Arginin plus Ornithin. Laut Dr. Dorman verliert man nur durch diese zwei Aminosäuren in drei Monaten 15 % Körperfett, baut dafür 9 % mehr Muskulatur auf. Dazu Prof. H. Fisher von der Uni New Brunswick: "Je mehr dieser beiden Aminosäuren man mit der Nahrung zu sich nimmt, desto besser und schneller der Effekt". Das zeigt auch, wie wichtig tägliches Eiweiß in der Nahrung ist. Naturvölker ernähren sich zu zwei Drittel von Fleisch, manchmal sogar zu 99 %. Siehe Forever-Young-News von Dr. Ulrich Strunz vom 13.05.13.

Wachstumshormone: Kritische Meinungen

Kritiker warnen vor unkalkulierbaren Risiken der Gabe von Wachstumshormonen. Der Altersforscher Christoph Bamberger weist darauf hin, dass Tierversuche gezeigt haben, dass die Gabe von Wachstumshormonen Krebs begünstigt, da die Substanz generell alle Zellen zum Wachstum anregt, also auch möglicherweise vorhandene „schlafende“ Krebszellen.[1] Die Anwendung von Somatotropin sollte jedoch unter Aufsicht eines spezialisierten Arztes erfolgen, der die Substitution in Abstimmung mit anderen defizienten Hormonen durchführt. Eine Monotherapie mit Somatotropin ist bei multipler hormoneller Defizienz – wie sie meist ab der Lebensmitte vorliegt – nicht empfehlenswert, da Somatotropin die Ausschüttung z. B. von Cortisol bremst, was die Stressresistenz verringern kann. [1]

In verschiedenen Tiermodellen konnte gezeigt werden, dass reduzierte Spiegel von Wachstumshormonen, und als Folge davon von IGF-1, sowohl die mittlere als auch die maximale Lebenserwartung signifikant erhöhen.[17] Heterozygote weibliche Mäuse bei denen der IGF-1-Rezeptor ‚abgeschaltet‘ wurde (Gen-Knockout) haben dementsprechend eine höhere Lebenserwartung.[18] Transgene Mäuse, die vermehrt Wachstumshormone exprimieren, weisen dagegen eine deutlich reduzierte Lebenserwartung auf, sind früher geschlechtsreif und zeigen altersbedingte Veränderungen ebenfalls deutlich früher, als der Wildtyp.[19][20][1]

Methoden ohne Wirkungsnachweis

Folgende Maßnahmen werden immer wieder empfohlen, sind aber nicht durch große prospektive Studien belegt.[1]

Dehydroepiandrosteron

Dehydroepiandrosteron (DHEA) steuert die Produktion von Geschlechtshormonen bei Männern und Frauen. Die Konzentration von DHEA im Körper sinkt im Alter drastisch. Anti-Aging-Mediziner postulieren, dass eine Einnahme der Substanz positive Auswirkungen auf die Muskelmasse habe, die Haut straffer werde und sich das Gedächtnis verbessere. Auch zur positiven Wirkung der DHEA-Substitution gibt es keine verlässlichen wissenschaftlichen Studien. Es gibt Hinweise auf eine mögliche Begünstigung von Tumoren, doch wird dies von anderer Seite bestritten, unter anderem von der German Society of Anti-Aging-Medicine (GSAAM). Als Einzelsubstanz ist DHEA in Deutschland bislang nicht zugelassen, sie ist jedoch in Präparaten zur Behandlung von Frauen in den Wechseljahren enthalten. Die GSAAM betont auf ihrer Website: „In den pharmazeutischen Prüfberichten des Bundesamtes für pharmakologische Sicherheit ist keine einzige Nebenwirkung berichtet worden, weder im onkologischen noch im metabolen oder kardiologischen Bereich.[1]

Thymustherapie

Mit zunehmendem Alter lässt die Aktivität des Thymus, der für das Immunsystem eine wichtige Funktion hat, nach (Immunoseneszenz). Um diesem Effekt entgegenzuwirken, wurden früher Thymuspräparate von Schaf-Embryonen im Rahmen der Frischzellentherapie injiziert. Heute werden meist Präparate aus getrockneten Thymusdrüsen von ausgewachsenen Schafen oder Schweinen oral verabreicht. Diese Therapie wird von einigen Ärzten und Heilpraktikern mit dem Ziel angeboten, die Immunabwehr zu stärken. Mitunter wird auch behauptet, dass damit Krebs bekämpft werden könne. Es wird auch damit geworben, dass Thymuspräparate das Altern verzögern. Studien, die diese Behauptungen wissenschaftlich belegen, gibt es dazu nicht.[1]

Entfernung seneszenter Zellen

Eine Entfernung seneszenter Zellen in einem Organismus führt zu einem späteren Einsetzen altersbedingter Erkrankungen und einer höheren durchschnittlichen Lebensspanne.[21][1]

Ernährung

Antioxidantien: Vitamine A, C und E, Selen

Häufig wird eine hohe tägliche Zufuhr der Vitamine A, C und E empfohlen sowie von Selen, um die schädliche Wirkung der freien Radikale zu bremsen. Bei einem solchen Vorgehen müssten die entsprechenden Substanzen allerdings in hoher Dosierung lebenslang gegeben werden. Zu hohe Vitamin-C-Gaben führen wiederum zu einem Ansteigen der Konzentrationen an freien Radikalen insbesondere in Anwesenheit von freiem Eisen, was eine mögliche Wirkung in Frage stellt.

Verzicht auf tierische Fette, Zucker, Alkohol & Nikotin

Außerdem wird häufig geraten, auf rotes Fleisch, tierische Fette, Zucker, regelmäßigen Kaffee- und Alkoholkonsum und Nikotin zu verzichten. Statt Rotwein wird eher „Roter Traubensaft“ oder „Weintraubenextrakt aus roten Trauben und Kernen“ empfohlen.[22] Die Gelatine-Hersteller behaupten, dass durch die Einnahme von täglich 10 Gramm ihres Produktes unter anderem das Bindegewebe gefestigt und die Faltentiefe der Haut gemindert werde.[23][1]

Okinawa & Sizilien: Viel Fisch, Soja, Tofu, grüner Tee

Nachweislich leben überdurchschnittlich viele Menschen, die älter als 100 Jahre alt werden, auf Okinawa und auf Sizilien; auf beiden Inseln werden die Geburten amtlich erfasst.[24] Im Gegensatz dazu gibt es zum Beispiel für die Altersangaben der Hunzukuc keine amtlichen Belege. Auf Okinawa ernähren sich die Bewohner vor allem von Fisch, Nori, Goya-Gurken, Soja, Tofu, Kohl, Süßkartoffeln, Obst und grünem Tee. Auf Sizilien wird viel Gemüse gegessen, außerdem spielen Fisch und Olivenöl bei der Ernährung eine wichtige Rolle.[1]

Da die meisten Menschen, die über 100 Jahre alt werden, schlank sind und tendenziell eher Untergewicht haben, was auch auf Okinawa und Sizilien der Fall sein soll, gibt es außerdem den Tipp, die tägliche Kalorienzufuhr zu senken und bei den Mahlzeiten nie bis zur völligen Sättigung zu essen.[1]

Kalorienrestriktion erhöht die Lebenserwartung bei Tieren

Eine lebenslange hypokalorische Ernährung (Kalorienrestriktion) erhöht die Lebenserwartung bei Tieren, aber auch bei Einzellern, und ist bis jetzt bei Mäusen, Ratten, Fischen, Fliegen und Spinnen nachgewiesen. In Tierversuchen an Mäusen, aber auch bei Menschenaffen habe sich durch eine ständige leichte „Hungerkur“ das Lebensalter um bis zu 40 Prozent verlängert, bei Hefezellen um 70 Prozent.[24] Bei Mäusen entspricht das einem Plus von zwei Jahren. Anhänger einer permanenten unterkalorischen Ernährung bezeichnen sich selbst als Cronie.[1]

Einige Wissenschaftler bezweifeln, dass sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. Außerdem hat eine dauernde unterkalorische Ernährung auch unerwünschte Begleiterscheinungen. Bei Affen wurde Knochenschwund festgestellt, außerdem sinkt die Körpertemperatur und die Paarungsbereitschaft verschwindet.[24][1]

Eine Variante der Kalorienrestriktion ist das intermittierende Fasten.

David Sinclair von der Harvard Medical School in Boston ist davon überzeugt, dass eine extreme Diät einen „Notruf“ in den Körperzellen auslöst, der den Alterungsprozess drastisch verlangsamt. Er hat in Laborversuchen herausgefunden, dass sich dieser lebensverlängernde Effekt in vitro bei Hefezellen durch die Substanz Resveratrol aus Rotwein künstlich auslösen lässt. Ob sich das Ergebnis auf Menschen übertragen lässt, ist offen.[24][1]

Wirkt Fasten/Nahrungsentzug auf Basis der Autophagie gegen Krebs und Alzheimer?

Medizinnobelpreis 2016 für Zellforscher Yoshinori Ohsumi für Aufklärung der Mechanismen der Autophagie
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Yoshinori Ōsumis Forschungen sind für
die verschiedensten medizinischen Gebiete
relevant, unter anderem für neurologische
Erkrankungen oder Krebs[25]


Medizinnobelpreis für Zellforscher Yoshinori Ōsumi für Erforschung der Mechanismen der Autophagie
Stockholm – Der 71-jährige Japaner Yoshinori Ōsumi (auch Ohsumi) vom Tokyo Institute of Technology hat den Medizin-Nobelpreis im Jahr 2016 für seine Entdeckung der Mechanismen der sogenannten Autophagie erhalten – jenes Prozesses, mit dem Zellen eigene Bestandteile abbauen und verwerten. Ōsumis Entdeckungen führten laut dem Nobelpreiskomitee zu einem neuen Paradigma im Verständnis davon, wie die Zelle ihre Inhalte wiederverwendet. Seine Erkenntnisse öffneten den Weg zu einem besseren Verständnis der grundlegenden Bedeutung von Autophagie in vielen physiologischen Prozessen wie beispielsweise bei der Anpassung an Hunger oder bei der Reaktion auf eine Infektion. Mutationen in Autophagie-Genen können Krankheiten verursachen, zudem ist der autophagische Prozess unter anderem an Krebs und neurologischen Erkrankungen beteiligt.[25]

"Autophagie" bedeutet "Selbstessen" oder auch "Selbstverdauung"
Das Wort "Autophagie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet nichts anderes als "Selbstessen" oder auch "Selbstverdauung". In den 1960er-Jahren beobachteten Forscher erstmals, dass die Zellen ihre eigenen Inhalte zerstören können. Ōsumi klärte die molekularen Mechanismen der Autophagie am Beispiel von Hefezellen und später auch von Säugetierzellen, die sich durch Abbau körpereigener Proteine auf gewandelte Umweltbedingungen einstellen. Dabei identifizierte er mit seiner Gruppe die beteiligten Enzyme, deren Regulierung je nach Stoffwechselzustand sowie den Mechanismus der Bildung von Autophagosomen (Membranen, die die abzubauenden Proteine umschließen und an Vakuolen oder Lysosomen abgeben). Seine vielleicht wichtigste Arbeit publizierte Ōsumi 1993, als es ihm gelang, 15 Gene zu beschreiben, die bei der Autophagie in Zellen von Bäckerhefe eine entscheidende Rolle spielen. In einer Reihe von "eleganten" (so das Nobelpreiskomitee) Nachfolgestudien klonte er einige dieser Gene in Hefe- und Säugetierzellen und konnte so die Funktion der jeweiligen Proteine entschlüsseln. Erst aufgrund dieser Entdeckungen wissen wir heute mehr über die grundlegende Bedeutung von Autophagie für Krankheits- und auch Alterungsprozesse. - derstandard.at/2000045251875/Medizinnobelpreis-fuer-Zellforscher-Yoshinori-Osumi[25]

Das System der Autophagie ist fundamental für das Funktionieren der Zellen
Fumiyo Ikeda vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sagte: "Yoshinori Ōsumi weiß alles. Er kennt alle Geschichten. Er ist zentrale Figur dieses Forschungsgebietes." Seine gewonnenen Erkenntnisse seien "grundlegende Beiträge zu Abläufen in Zellen." "Das System der Autophagie ist fundamental für das Funktionieren der Zellen. Es geht darum, wie die Zelle Mist loswird", schilderte die Wissenschafterin die Bedeutung der Aufklärung der Mechanismen der "Selbstverdauung" von Proteinkomplexen und Organellen. Die Regulation dieser Prozesse sei von enormer Bedeutung. Auf den Arbeiten von Ōsumi aufbauend seien mittlerweile auch viele seiner Mitarbeiter und Schüler auf diesem Fachgebiet bekannt geworden.[25]

Autophagie-Induktoren Rapamycine, Spermidin oder Fasten/Nahrungsentzug
bremsen neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder ALS

Frank Madeo vom Institut für molekulare Biowissenschaften der Karl-Franzens-Universität Graz wies darauf hin, dass es mittlerweile zahlreiche Arbeiten an Tiermodellen gibt, die zeigen, dass verschiedenste Formen der Neurodegeneration durch die Induktion von Autophagie bekämpft werden können. Das liege daran, dass im Grunde alle neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder ALS auf der exzessiven Aggregation oder Verklumpung von Proteinen beruhen, die die Funktion der Nervenzelle stören. Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)[26] ist eine neurodegenerative Erkrankung, die klinisch durch die fortschreitende Degeneration der oberen und unteren motorischen Neurone gekennzeichnet ist. Sie beginnt zumeist fokal und ergreift im Verlauf die gesamte Körpermuskulatur unter Einbeziehung der bulbären Muskeln und der Atemmuskulatur. Die Erhöhung der Autophagie-Rate räume mit diesen Proteinaggregaten auf, indem sie die Verdauung der Aggregate bewirke. Das funktioniere sowohl pharmakologisch (durch die Autophagie-Induktoren Rapamycine oder Spermidin) als auch physiologisch (durch den Autophagie-Induktor Fasten/Nahrungsentzug). Klinische Studien am Menschen würden bereits laufen.[25]

Gestörte Autophagie-Abläufe in Verbindung mit Tumorerkrankungen und altersbedingten Krankheiten
Michael Jantsch, Zell- und Entwicklungsbiologie an der Med-Uni Wien, schilderte den Ablauf der Prozesse so: "In den Zellen müssen viele Proteine und Organellen, die im Laufe von Alterungsprozessen zum Beispiel durch Oxidation geschädigt worden sind, abgebaut werden. Sie werden deshalb dafür markiert und bei der Autophagie mit einer Membran umgeben." In diesen Bläschen wird der "Abfall" zu den Lysosomen – Bläschen mit Abbauenzymen – transportiert. Die Membran verschmilzt mit dem Lysosom, und die Fracht ist damit bei der Müllentsorgung angekommen. Man habe mit gestörten Autophagie-Abläufen vor allem manche Tumorerkrankungen in Verbindung bringen können, aber auch altersbedingte Krankheiten.[25]

Autophagie ist für das Funktionieren des Organismus notwendig
Claudine Kraft von den Max Perutz Laboratories (MFPL) in Wien forscht direkt an Autophagie. "Man wusste schon lange, dass es einen solchen Mechanismus gibt. Ōsumi hat das erste daran beteiligte Gen entdeckt, das er ATG1 nannte. Er entdeckte danach 14 weitere Gene, die an Autophagie beteiligt sind." Neben der Beseitigung von Abfall in den Zellen sei die "Selbstverdauung" aber auch für mehrere andere Prozesse wichtig. "So können damit in die Zelle eingedrungene Pathogene, zum Beispiel Bakterien, erkannt und beseitigt werden. Darüber hinaus erlaubt die Autophagie ein Recycling in der Zelle. Wenn eine Zelle keine Nährstoffe erhält, beginnt sie mit Autophagie, um daraus wieder Bausteine zu erhalten." Kommen Mäuse mit ausgeschalteter Autophagie auf die Welt, verhungern sie, weil ihnen bis zur Versorgung mit Muttermilch die notwendige Energiezufuhr fehlt. Wichtig sei die Forschung für das Verständnis von neurodegenerativen Erkrankungen. "Wenn man bei Mäusen ausschließlich im Gehirn die Autophagie ausschaltet, kommen sie zwar lebend zur Welt. Sie zeigen aber sofort Symptome von Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson." Das weist darauf hin, dass etwas Autophagie für das Funktionieren des Organismus einfach notwendig ist.[25]

Bewegung und Sport

Eine bis knapp 2 1/2 Stunden Jogging pro Woche ist gut für die Gesundheit

Beim Jogging kommt es auf das richtige Maß an. Eine Studie aus Dänemark kommt zu dem Schluss, dass das Laufen nur dann auf lange Sicht wirklich gut für die Gesundheit ist, wenn leicht oder moderat gejoggt wird. Optimal sind demnach eine bis knapp zweieinhalb Stunden Jogging pro Woche, am besten verteilt auf nicht mehr als drei Laufeinheiten, wie die Fachzeitschrift „Journal of the American College of Cardiology“[27] berichtet. Auch sollte kein allzu hohes Tempo eingeschlagen werden.[28] Für die Untersuchung hatten die Forscher aus Kopenhagen über einen Zeitraum von zwölf Jahren hinweg Daten von 1098 Joggern und 3950 gesunden Nicht-Joggern gesammelt. Heraus kam, dass die Sterblichkeitsrate unter „exzessiven“ Joggern fast genauso hoch war wie bei den Nicht-Joggern. Die niedrigste Sterblichkeitsrate wurde bei den „leichten“ Joggern verzeichnet, gefolgt von den moderaten Joggern. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass sehr anstrengendes Jogging über Jahrzehnte hinweg Gesundheitrisiken mit sich bringen könne, insbesondere für das Herz-Kreislauf-System, erläuterte Peter Schnohr vom Frederiksberg-Hospital in Kopenhagen. Wem es darum gehe, seine Lebenserwartung zu steigern, dem sei zu raten, dass er nur ein paar Mal pro Woche jogge, und dies in einem moderaten Tempo. „Alles, was darüber hinausgeht, ist nicht nur überflüssig, es kann sogar schaden“, warnte Schnohr.[28]

Extrem-Sport beschleunigt den Alterungsprozess

Der Marathon bedeutet für viele Amateure die Krönung ihrer Laufkarriere. Sportmediziner und Sportpädagogen sehen darin jedoch keinerlei gesundheitlichen Nutzen. Im Gegenteil: Extrem-Sport beschleunigt den Alterungsprozess.[29] Dr. Gobert Skrbensky, Sportorthopäde im Wiener AKH: Es wird zu weit, zu schnell und zu oft gelaufen. Das Resultat zeigt sich dann in der typischen Trias der Läuferbeschwerden: schmerzende Schienbeine, entzündete Achillessehnen und beleidigte Kniegelenke. Kardiologen, Endokrinologen, Sportmediziner, Orthopäden sind sich einig: Gesund ist der Marathon sicher nicht, sagt der Wiener Leistungsphysiologe Valentin Leibetseder. Er setzt den Körper nur enorm unter Stress. Wenn überhaupt etwas gesund sei am Marathon, dann ­bestenfalls das richtig betriebene Training für einen Halbmarathon. Eigentlich wäre es das Beste, wenn ein Läufer zwei Tage vor dem Marathon einen ordentlichen Schnupfen bekäme oder das Auto eingeht, damit er gar nicht an den Start gehen kann. Denn wer sich nicht perfekt auf die Langdistanz vorbereitet, kommt leicht in jenen Bereich, den Mediziner als das Paradox der Bewegung bezeichnen: Nicht nur ein Zuwenig, sondern auch ein Zuviel an Bewegung kann dem Körper schaden.[29]

Der Marathonlauf bedeutet eine enorme Belastung für Sehnen, Knochen und Gelenke. Wer darauf verzichtet, verkürzte Strukturen etwa in der Achillessehne, den Waden oder den Oberschenkeln durch entsprechend aktive Bewegungsübungen zu trainieren, riskiert Entzündungen. Dies gilt sowohl für Laufneulinge als auch für ambitionierte Läufer. Denn pro Laufschritt müssen schon im Normalfall Kräfte abgefedert werden, die dem Drei- bis Fünf­fachen des Körpergewichts entsprechen. Und wer bei einem schlechten Schritt einknickt, bei dem steigt die Belastung ­augenblicklich bis auf das Siebenfache an. Selbst perfekt sitzende Schuhe, die nicht zu hart, aber knöchelfrei sein sollten, können dabei nur Belastungsspitzen dämpfen, nicht aber die Belastung selbst.[29]

Kniegelenks-Leiden: Häufigkeit steigt mit der wöchentlichen Kilometerleistung:
Nur wer mit ausgezeichnet trainierter Muskulatur und perfektem Laufstil an den Start geht, hat die Chance, Sehnen­entzündungen oder Knorpelschäden im Knie zu vermeiden. Laut einer Anfang 2008 im British Journal of Sports Medicine veröffentlichten Überblicksstudie ist das Kniegelenk der am häufigsten in Mitleidenschaft gezogene Körperteil von Langstreckenläufern. Zwischen 20 und 80 Prozent leiden daran, und die Häufigkeit steigt mit der wöchentlichen Kilometerleistung. Laufen für die körperliche Fitness heißt in jedem Fall easy going, sagen Experten. Anfänger sollten sich zunächst eine Vorbereitungszeit gönnen. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, sollte die Ernährung umstellen. Das Laufen selbst führt nicht zur Arthrose, wohl aber das Übergewicht. Wer sich gegen Knorpelschäden absichern will, sollte daher als ­Erstes eine gelenksentlastende Bewegungsform wählen, etwa Schwimmen oder Radfahren, bevor er mit dem Laufen beginnt. Diese Sportarten fördern den Aufbau von eventuell zu schwach entwickelter Muskelkraft. Mangelhaft ausgebildet sind zumeist die Muskelgruppen auf der Innenseite der Oberschenkel, oft auch bei schon routinierten Läufern. Schlaffe Oberschenkelmuskeln können die Kniegelenke nur mangelhaft stabilisieren. Ober- und Unterschenkelknochen krachen regelrecht aufeinander, was den Knorpel über Gebühr strapaziert.[29]

Boston-Studie: Extremer Ausdauersport führt nachweislich zu kardialem Stress
Wer mit zu geringem Trainingsumfang in den Wettkampf geht, spürt dies bald an der heftigen Reaktion seines Körpers. Unter den zahlreichen Studien, welche dieses Phänomen bereits untersucht haben, fand vor allem eine Arbeit der Harvard Medical School internationale Beachtung. Die Mediziner untersuchten 60 Hobbyläufer des Boston-Marathons, darunter 41 Läufer und 19 Läuferinnen, nach diversen Parametern und fokussierten dabei vor allem auf das Herz. Vor und nach dem Bewerb wurden die Läufer mittels Ultraschall (Echokardiografie) getestet, dazu wurde auch ihr Blut laborchemisch auf bestimmte Biomarker untersucht. Die Probanden Durchschnittsalter 41 Jahre, schlank, fit und gesund staunten nicht schlecht, als sie die Ergebnisse sahen.[29]

Der Ultraschallbefund zeigte vielfach das Bild eines pathologisch ermüdeten Herzens. Bei etwa 60 Prozent des Samples fanden sich Eiweiße im Blut, die normalerweise als Biomarker für Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz gelten. So lag der Wert für das kardiale Troponin T (cTnT), ein Protein, das in der Klinik auf absterbende Herzzellen hinweist, bei 40 Prozent sogar über jenem Level, ab dem Kardiologen bereits an einen akuten Herzinfarkt denken. Ebenso verdoppelten sich bei den Läufern die Werte für den Biomarker NT-proBNP, was bei klinischen Patienten als Zeichen für eine pathologische Überbelastung des Herzmuskels (Herzinsuffizienz) gedeutet worden wäre. Dem größten kardialen Stress waren Läufer ausgesetzt, deren wöchentliche Trainings­leistung unter 56 Kilometer lag. Wer diese Trainingsmarke übersprungen hatte, zeigte deutlich weniger kardialen Stress. Und bei jenen Läufern, die mehr als 72 Kilometer pro Woche trainiert hatten, näherten sich die registrierten Biomarker fast dem Normalwert. Für die Läufer waren die Befunde dennoch überraschend. Keiner von ihnen hatte während des Laufs über Herzbeschwerden, Brustschmerzen oder übergroße Atemnot geklagt. Mittlerweile wurden solche Untersuchungen an tausenden Marathonläufern, Triathleten, 100-Kilometer-Läufern und anderen extremen Ausdauersportlern wiederholt, mit ähnlichen Ergebnissen. Extremer Ausdauersport führt nachweislich zu kardialem Stress. Es wird vermutet, dass Autoimmunreaktionen auf das ausgeschüttete Troponin Entzündungen im Herzmuskel provozieren könnten, gefolgt von Bindegewebsverdickungen (Fibrose) und Herzfehlern.[29]

Bei 36 % der Marathonläufer ­fanden Kardiologen erhöhte Arterio­sklerose-Parameter in den Herzkranzgefäßen
Dass Marathonlaufen das Herz auch langzeitig schädigen könnte, darauf deuten Erkenntnisse des Kardiologen Stefan Möhlenkamp vom Westdeutschen Herzzentrum in Essen hin. Im Rahmen eines Herzvorsorgeprogramms untersuchte der Mediziner einen 63-jährigen Marathonläufer, bei dem er ein paar Tage nach dem Lauf einen stillen Herzinfarkt diagnostizierte. Der Läufer hatte davon nichts bemerkt. Möhlenkamp startete daraufhin eine groß angelegte Untersuchung an mehr als 100 erfahrenen Marathonläufern, alle älter als 50, fit und ohne Herzkrankheiten oder Diabetes. Dabei wurde auch der Kalkscore in den Herzkranzgefäßen gemessen, ein Wert, der Aufschluss über die Kalkablagerungen in den Blutgefäßen des Herzmuskels gibt. Die Ergebnisse verglich er mit den nicht Marathon laufenden Personen derselben Altersgruppe. Ergebnis: Zwar zeigten alle Marathonläufer ein um 50 Prozent besseres Herz-Kreislauf-Profil im Vergleich zur gleichaltrigen Bevölkerung. Was das Arterioskle­rose-Risikoprofil in den Herzkranzgefäßen betrifft, wurde Möhlenkamp allerdings überrascht. Jahrzehntelang waren Mediziner davon ausgegangen, dass Marathon auch gut gegen Arterienverkalkung wirke. Nach Möhlenkamps Untersuchungen ist man dessen nicht mehr so sicher. Bei 36 Prozent der Marathonläufer ­fanden die Kardiologen erhöhte Arterio­sklerose-Parameter in den Herzkranzgefäßen. Dies entsprach den Werten der nicht laufenden Allgemeinbevölkerung. In einer Vergleichsgruppe von 216 gleichaltrigen Männern, die ebenfalls topfit waren, aber keinen Marathonsport betrieben, fand sich sogar nur bei 22 Prozent ein ähnlich erhöhter Kalkscore. Marathonläufer könnten daher, so Möhlenkamp vorsichtig, zumindest ein gleich hohes, wenn nicht unter Umständen ein höheres Risiko für die koronare Herzgefäßerkrankung besitzen.[29]

Dr. Markus Metka: Wer über Jahre hinweg überbe­lastenden Ausdauersport betreibt, kurbelt das Altern an
Möhlenkamp tippt auf ein komplexes Zusammenspiel von Überbeanspruchung und Alterungsprozessen. Dauernde Mikrogewebeschäden, häufiger kardialer Stress können jedenfalls Entzündungen provozieren. Anti-Aging-Spezialisten wie etwa die Leiterin des Innsbrucker Instituts für biomedizinische Alternsforschung, Beatrix Grubeck-Loebenstein, kann dieser Hypothese einiges abgewinnen. In der Fachterminologie heißt sie "silent inflammation" (stille Entzündung) oder auch Inflamm-Aging: Wir wissen, dass der Alterungsprozess mit stillen Entzündungsprozessen in allen Organen einhergeht. Es ist durchaus denkbar, dass Überbeanspruchungen diese Prozesse unterstützen. Der Wiener Hormonexperte und Anti-Aging-Mediziner Markus Metka vergleicht die Effekte mit einem Sonnenbrand: Nur dass man die Entzündung im Gewebe nicht sieht. Die Folge der "silent inflammation": Wer über Jahre hinweg überbe­lastenden Ausdauersport betreibt, kurbelt das Altern an. Typisches Zeichen, so Metka: Wenn junge Ausdauersportler, ausgezehrt und faltig, um Jahre älter aussehen, dann haben sie sich jahrelang überlastet.[29]

Marathonläufer sind anfälliger für Infekte und nehmen oft nierenschädigende Schmerzmittel
Die monatelange Überbelastung durch das extreme Laufpensum schwächt das Immunsystem. Um mit entzündetem Gewebe und Schmerzen weitere Leis­tungssteigerungen zustande zu bringen, wird gedopt. Seit Anfang April 2008 steht auch die Marathonspitzenläuferin Susanne Pumper unter Dopingverdacht. Pumper war sich aber keiner Schuld bewusst und wollte für ihre Reinwaschung kämpfen. Dass viele unkontrollierte Hobbyläufer das entzündungshemmende, jedoch Nieren-schädigende Schmerzmittel Voltaren verwenden, ist ein offenes Geheimnis. Viele Marathonasse gelten überdies offiziell als Asthmatiker, um entkrampfende Sprays beim Lauf verwenden zu dürfen.[29]

Mäßiges Laufen, Radfahren und Schwimmen senkt Erkrankungsrisiken für Herzinfarkt, Krebs oder Diabetes
Trotz mancher Extreme sagt der Wiener Pulmologe und Trainingsspezialist Paul Haber: Laufen, Radfahren und Schwimmen zählen zu den besten Möglichkeiten, um Krankheitsrisiken wie Herzinfarkt, Krebs oder Diabetes zu senken. Das muss man bei aller Risikoabwägung klar sagen. Um den pathologischen Effekten des Marathons auszuweichen, gilt die Devise: weniger ist mehr.[29]

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Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 1,19 1,20 1,21 1,22 1,23 1,24 1,25 1,26 1,27 1,28 Wikipedia: Anti-Aging
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